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Luftmaschen

  • 5. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

 

Ich sitze im Zug. Die Menschen um mich herum schauen alle in ihre mobilen Kontakt- oder Unterhaltungsgeräte. Auch ich. Aber ich würde für mich am liebsten eine Notiz zur Schau stellen, auf der steht:

«Ich schaue nicht in mein Handy, ich lese ein Buch!»,

weil ich mich nicht zu der Masse zähle, die nur noch wahrnimmt, was sich auf dem Display tut, sondern auch gerne noch durch das analoge Fenster hinausschaut.

Dort ist es aber bereits dunkel, nicht viel zu sehen und ich habe mich darauf gefreut, mich zugfahrend in meine Lektüre zu vertiefen.

Deshalb störe ich mich nicht daran, dass niemand ungefragt mit mir Worte wechseln will.

Beim nächsten Halt steigt eine Frau zu, die sich auf der anderen Waggonseite schräg von mir in ein leeres Abteil setzt.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sie auf der Schoss in ihrer Handtasche kramt. Ich verliere in meiner Lektüre den Faden und sie findet ihn. 

Die Frau nimmt, so scheint mir, tatsächlich ihr Strickzeug aus der Tasche. Jedenfalls zieht sie ein Gnuusch heraus, sucht den Anfang und beginnt, das Durcheinander aufzulösen. 

 

Oje, hatte sie es pressant beim Umsteigen? War sie so ins links-rechts-Stricken oder sogar in ein kompliziertes Zopfmuster vertieft, dass sie fast das Aussteigen verpasst hätte und deshalb ihr Strickzeug unsorgfältig in die Tasche packen musste?

Hoffentlich verliert sie keine Maschen! Warum hat Sie bloss ihr Strickzeug einfach so ungeschützt in ihre Handtasche gelegt, erst recht bei weisser Wolle, die ist doch heikel wegen den Flecken!

 

Ich erinnere mich an meine blaue Lismi-Täsche, die ich in meiner Kindheit zu Weihnachten geschenkt bekam. Da hinein konnte ich mein Strickzeug katzensicher wegräumen.

Auch das «aus den Augen, aus dem Sinn» funktionierte damit sehr gut. Stricken war nicht mein grösstes Hobby… Leider hatte die Tasche so ein unmögliches Format, dass weder Bücher noch Schreibzeug ordentlich hineingepasst hätten und die Tasche schwerlich zu zweckentfremden war.

 

Geschenkt hat mir die Strickzeugtasche mein Grossmüeti. Ich versuche mich zu erinnern, wo und wie es selbst sein Strickzeug vor den Katzen in Sicherheit gebracht hat - mich dünkt, es hatte die Wolle in einem Körbli mit Deckel auf dem Stubentisch.

Mein Grosmüeti war gefühlt immer am Stricken. Es verarbeitete wohl so manche Gedanken und Erinnerungen in Strickwaren. Unabhängig von der Schwere der verarbeiteten Erinnerungen, entstanden schöne Sachen. Nennt man das auch «Transformation»?

Mein Grosmüeti konnte stricken und zuhören gleichzeitig, es konnte auch stricken und erzählen gleichzeitig und es konnte stricken, ohne auf die Lismete zu schauen!

Die Stricknadeln wussten sowieso wie es geht. Das Grosmüeti musste nur für den Wollnachschub sorgen, alles andere geschah von alleine, dünkte mich.

Die Nadeln klipperten leise, als hätten sie sich wichtige Neuigkeiten zu erzählen. Nur beim Wolle-Nachziehen schwiegen sie kurz. Dann klipperten sie weiter.

Ein heimeliges, «willkommen in der warmen-Stube» - Geräusch.

Ich schmunzle und komme mit meinen Gedanken zurück in den Zug. Wo bleibt eigentlich das Klippern der Stricknadeln?

Ich wage einen Blick in das andere Abteil. Das Gnuusch ist nun aufgelöst und ich sehe mit Erstaunen, dass es sich bei dem Durcheinander überhaupt nicht um weisse Wolle, sondern um Kabel gehandelt hatte! Die Frau trägt nun ihre Kopfhörer in den Ohren und schaut? - auf ihr Handy…

Die Einzige, die hier gestrickt hat, bin ich! Luftmaschen! Denn diese sind wohl der Anfang beim Bau von Luftschlössern…

 

Und doch möchte ich wissen, was die (nicht strickende) Frau am Hören ist. Vielleicht gibt es auf spotify nebst Meeresrauschen und Vogelgesang auch grossmütterliches Stricknadelgeklipper zur Entspannung? Sie sieht jedenfalls zufrieden aus.

 
 

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